Sensibilität – so nicht gewollt, sondern einfach da

Am Anfang ist es wie eine Superkraft, die einen einfach nicht weiter bringt. Denn das Potenzial der Sensibilität ist verdeckt und hat nur einen kleinen Platz in der Welt des “Größer – Weiter – Schneller”

Du kennst es … Du kommst in einen Raum, an einen Platz, triffst auf Menschen und es ist da – ein Gefühl. Manchmal zum Greifen nah und mit viel Erfahrung auch lesbar – aber zum Anfang – einfach irritierend.

Du hörst etwas, siehst etwas und fühlst auch was und dann passt es alles irgendwie nicht zusammen. Das Bild – die Gedanken – nichts stimmt und was übrig bleibt ist häufig Verwirrung.

Eine ausgeprägte Sensibilität ist wie ein Seismograph, der die kleinsten “Anomalien” bemerkt, aber auch wie ein ganz starker Radioempfänger, bei dem sich die Informationswellen überlagern.

In dieser aktuellen lauten, aggressiven und schnelllebigen Welt ist Sensibilität für den “normalen” Lebensweg kein hochwertiges Gut. Eher ist es ein belastendes Gut, denn der Sensible hat eher Schwierigkeiten mit den Werten größer, weiter und schneller.

Die Informationsvielfalt ist einfach groß … zu groß, um es einfach werden zu lassen.

Die Tentakeln der Sensibilität

Sensibilität ist nichts was man will, wenigstens für die Menschen, die von ihr gebeutelt werden. Aber man will auch nicht darauf verzichten, denn sie kann das Leben sehr bunt werden lassen.

“Hochsensibilität” – wird es heute häufig genannt – ich selber vermeide den Ausdruck – da dieser Ausdruck Menschen ausschließt, die mit Ihrer Sensibilität einfach gelernt haben anders umzugehen – sich selbst nicht als “Hoch”-Sensibel sehen oder sehen möchten.
Die sich vielleicht nicht den Stempel des “Außergewöhnlichen” geben mögen oder mit Ihrer Sensibilität – schon immer – entspannter Leben konnten.

Manche Menschen haben einfach Glück, sie wurden in eine Welt hinein geboren, in der die ausgeprägte Sensibilität einen guten Platz hat. Die Verwirrungen, vom Fühlen, Denken, Hören und dem Erfahren sind begrenzt und immer begleitet von einer sichernden und fürsorglichen Umgebung. Es ist ein Aufwachsen in Sicherheit, dass das Anlegen eines Gefühls- und Wahrnehmungslexikon einfacher macht. Man ist tief im Inneren nicht verunsichert – wenn etwas mal nicht passt. Die Frage, ob Du richtig oder nicht richtig bist, stellt sich nicht. Die Welt innen ist rund geworden, so dass die Welt außen widersprüchlich sein kann ohne zu verwirren.

In vielen Familien ist es allerdings so, dass das Kind ins System passen muss – es muss funktionieren. Im schlimmsten Fall soll es noch die verdeckten Probleme der Eltern mit lösen und das Kind kommt in den Zugzwang “richtig” sein zu müssen.

Es wird Vermittler, es wird Partner und es trägt Verantwortungen, die ihm einfach nicht gehören. Selbst wenn es jetzt nicht schon “natürlich” ausgeprägt sehr sensibel ist – hier besteht eindeutig die Chance es zu werden. Es lernt die Tentakeln der Sensibilität immer ausgefahren zu halten, damit ja keine “wichtige” Information verloren geht. Damit nichts unbemerkt passiert, was seine Aufgabe im elterlichen Haus angeht.
Ein Segen der Wahrnehmungsvielfalt kann hier zu einem wirklichen Fluch werden.

Perpetuum mobile der Sensibilität

Du kennst es, Du bist oder fühlst Dich falsch – schon seit Ewigkeiten. Du gibst Dir Mühe, den “richtigen” Weg zu finden – es recht zu machen – dazu zu gehören. Eine Zeitlang geht es ganz gut und trotzdem trittst Du immer wieder in die Falle. Du stehst ständig unter dem Druck es richtig machen zu wollen, prüfst die Reaktionen der Umgebung. Trotzdem “richtig” funktioniert es eher selten.

Es entwickelt sich schnell zu einem “Perpetuum mobile” – ein sich selbst befeuernder Kreislauf. Der Sensible bekommt einfach sehr viele Dinge aus seiner Umgebung mit und meint nun, sich richtig dazu verhalten zu müssen. Auch wenn alles widersprüchlich erscheint. Hier wird dann sehr schnell die Stärke des Sensiblen über die Maßen strapaziert und immer wieder in den Vordergrund geschoben. Der Helfer- und Gerechtigkeitstyp, den viele sensible Typen in sich tragen, nimmt jede mögliche Helfersituation wahr. Er organisiert und übernimmt Verantwortung, die ihm gar nicht gehört.

Es beginnt das Drama-Dreieck

Das Drama-Dreieck

Täter – Retter – Opfer sind die Teilnehmer des Drama-Dreiecks aus der Transaktionsanalyse.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Dramadreieck

Im Gegensatz zu Wikipedia sind aus meiner Sicht keine 2 Teilnehmer für das Leben im Drama-Dreieck notwendig – es reicht eine Person.

Als sensibler – durch die Kindheitserfahrungen – verunsicherter Mensch mit einem gut ausgeprägten Helferanteil – möchte man natürlich helfen und wird zum Retter. Der Sensible spürt was sein Gegenüber braucht, selbst wenn dieser sich damit abgefunden hat oder es gar nicht spüren will. So kommt es schnell zu einer missglückten Rettung und zur Zurücksetzung, die den Sensiblen zum Opfer werden lässt. Der sich dann abwendet – obwohl er den Bedarf spürt – und dabei ein so schlechtes Gewissen bekommt, dass er meint, er sei ein Täter.
Es ist vollendet – das Drama ist vollständig – die Falle hat zugeschnappt und die Verunsicherung hat einen Ablaufplan.

Je länger der Sensible sich in dieser Unsicherheit vertieft und nicht in den Hafen der Gewissheit und Selbstsicherheit einfahren kann, desto stärker prägt sich das System. Es befeuert sich selber und verunsichert sich weiter und tiefer.

Vom Loslassen und Festmachen

Sensibilität ist eine Fähigkeit, die ihren gesunden Lebensraum braucht. Einen sicheren Platz, an dem sie weiter bringt ohne dabei mehr zur Bürde zu werden.

In der frühen Menschheitsgeschichte hat es sich bezahlt gemacht, sich die angstvollen Momente stärker und nachhaltiger einzuprägen. Diese Fähigkeit haben wir noch heute, auch wenn sie den direkten Sinn – das gefährliche Leben im Urwald zu schützen – in den meisten Fällen verloren hat.
Die Sensibilität – ein Mitstreiter aus diesem Urleben – der genauso stark empfänglich ist für die Verunsicherung, braucht für das Lebensglück eine unterbewusste Membrane oder einen Puffer – die die Angst und Verunsicherung abfedern.

Wer nicht in einer sensibilitätsliebenden Umgebung seine ersten Schritte getan hat, tut gut daran, in seinem Unterbewusstsein ein emotionales Wissen zu verankern, das seine Sensibilität stabil trägt.

Lösende Grundsätze

  • Sensibilität ist eine Eigenschaft wie Sehen und Hören.
    Niemand ist zu sensibel, genau so wie niemand zu sehend ist. Manche Augen reagieren auf Sonne sehr empfindsam – so reagieren eben andere Menschen stark auf Stimmungen.
  • Was man nicht sehen und anfassen kann – ist trotzdem da, auch wenn es bezweifelt wird.
    Eine Stimmung ist da und manche nennen es auch eine Energie, die genauso da ist. Beim Hören kennen wir ja Frequenzen, die nicht jeder hören kann und die trotzdem da sind.
  • Auch wenn man etwas spürt, bedeutet es nicht, dass man verantwortlich ist.
    Auch wenn es schwer fällt, es tut gut, nur die Verantwortung zu übernehmen, die einem wirklich gehört.

Ermutigung zur nützlichen Sensibilität

Es ist nicht so wichtig, wie viel Du hast – sondern was Du daraus machst.
Sensibilität ist eine Fähigkeit, die mit Gefühl und Verstand geformt und genutzt werden will – die im geeigneten Maße ergänzt und belebt.
Es ist ein feiner Sinn, der Aufmerksamkeit und Anerkennung braucht.

Sensibilität ist ein wundervoller Sinn für ein vielfältig buntes Leben und wertschätzende Beziehungen.

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1 Kommentar

  1. Ein wirklich großes Thema.
    Mit sehr vielen Facetten.
    Dein Text zur Ermutigung ist schon beim Lesen eine Bestärkung!

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